Wie ich aufhörte mich als schlechte Mutter zu sehen

Während der Kinderwunschzeit malt man sich vieles sehr rosarot und blumig aus, was das Thema „Eigenes Kind“ betrifft. Man denkt an viele Kuscheleinheiten, Spaziergänge, Babyduft, Plüsch und die Sonne, die einem aus dem Arsch scheint.

Mit der so herbeigesehnten Schwangerschaft begannen erste Ängste. Man freute sich auf Plüsch und Co., doch gerade durch die Zwillingsthematik kam ich häufig ins Grübeln. Ich hatte gar Mitleid mit den beiden, da sie niemals die 24/7 und 1:1 Aufmerksamkeit bekommen würden, die ich mir immer vorstellte. Ich habe es geliebt schwanger zu sein und vermisse die Zeit sehr.

Und dann kam so vieles anders, was es mir absolut nicht leichter machte, mich als gute Mutter zu sehen. Die beiden kamen fast 8 Wochen zu früh. Das ist von niemandem die Schuld, doch all ihr Mütter wisst oder könnt euch zumindest vorstellen, was das mit einer Frau machen kann. Ich war froh und stolz über ihr Dasein, doch das erste Mal sah ich sie erst über 30 Stunden nach ihrer Geburt- in einem Kasten mit Strippen an ihren kleinen Körpern. Ich kämpfte um jedes bisschen Muttergefühl. Es war da. Da schlummerte etwas. Doch es war absolut nicht das, was einem sonst immer erzählt wurde. Kein Wunder unter den Umständen. Ich war trotzdem enttäuscht- von mir.

Kuscheln wurde begleitet von Schwestern, die einem das Kind auf die nackte Haut legten. Auch sie waren es, die die Kinder aus den Kästen holten. Nicht ich. Nicht der Herzmann. Wir lagen da und warteten, dass man uns diese etwa 1,7kg leichten Wesen auf die Brust legte. Ich roch an ihnen. Es war ein Mix aus Baby und Krankenhaus. Es roch immer ein wenig nach Krankheit. Neben, hinter und vor uns piepte es regelmäßig oder ein fremdes Baby weinte. Nach 3 Stunden nahm man sie uns wieder ab, sie kamen in den Kasten zurück. Wir wickelten sie mit Handschuhen darin. Und dann gingen wir. Ich heulte jeden Tag. Da waren also viele Gefühle, doch mehr negative. Sie überschatteten alles, wenn ich nicht bei ihnen war.

Ich war neidisch auf die Mütter, die ihr Baby nach der Geburt bei sich behalten durften. Ich hatte Angst um die Bindung zu den Jungs. Sie sollten doch wissen, dass ICH ihre Mutter bin! Und nicht eine von vielen.


Die erste Woche mit ihnen Zuhause war heftig. Wir rotierten und funktionierten. Da war wenig Platz für wirkliche Freude oder tatsächliche Kuscheleinheiten wie man sich das vorstellte. Sie hatten Bauchweh, schliefen kaum und wollten alle 2-3 Stunden essen. Meine Brüste produzierten von Anfang an nicht genug Milch für beide. Stillen, Pumpen, Fläschchen machen forderten dann ihren Tribut Zuhause. Ich nahm rapide ab und wollte nicht mehr. Abstillen war dank unzureichender Milch eine Sache von wenigen Tagen und mit Ausstreichen und Pefferminze kein Problem. Wieder versagt.

Ich wollte alles perfekt haben. So perfekt wie all die anderen Muttis auf Facebook und Instagram. Jeden Tag duschen, Haare machen und schminken. Dazu noch einen gesunden Smoothie in der Hand und mit Kinderwagen in der City unterwegs sein. Aber eigentlich war ich nur froh, wenn ich einmal die Woche duschen konnte und meine Shirts richtig herum trug während wir im Park auf der Parkbank saßen und einfach nichts taten. Ich wollte so viel und schaffte doch gar nichts davon. Es hätte mich nicht gewundert, wenn die Küche irgendwann angefangen hätte zu sprechen so wie sie aussah.

Zum einen fühlte ich mich schlecht aufgrund falscher Erwartungshaltung mir gegenüber, dann dank Social Media. Viel zu oft wird nämlich nur der Plüsch gezeigt. Das ist nicht gut. Vor allem nicht für junge Frauen und Mütter. Ich sah ein, dass manche nur diese Seite zeigen wollen und dass das ihr gutes Recht ist. Und bei manchen klappt es sicher auch genau so. In den meisten Fällen gibt es dann aber Hilfen von außen- und sei es, dass die Oma das Kind ums Haus schiebt während man die Bude oder sich putzt. Das habe ich nicht. Punkt. Kein Mimimi. Einfach Fakt. Ich sage mir immer wieder, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht zu sein brauche. Ich gebe jeden Tag mein Bestes für meine Familie und mich und das ist völlig ausreichend. Auch arbeite ich daran Hilfe vom Herzmann anzunehmen. Von mir selbst erwartete ich zu lange, alles allein schaffen zu müssen. Aber ich bin gar nicht allein. Ich habe ihn und er ist großartig! Also warum geißele ich mich selbst so? Damit tue ich keinem einen Gefallen. Hilfe anzunehmen klappt mal besser, mal schlechter.

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Meine Jungs lieben mich. Das zeigt sich immer deutlicher je älter sie werden. Gerade am Anfang ist es schwierig, wenn sie sozusagen nur fordern. Man ackert und es scheint noch immer nicht zu reichen. Mittlerweile weiß ich, dass meine Mühen reichen. Sie lieben mich und ich liebe sie wie noch nie jemanden zuvor. Wir brauchen einander gleichermaßen. Und so oft ich auch gerne ohne sie etwas mache, so schön ist es mit ihnen (geworden).

Ich mache meine Sache gut. Und ihr auch. Sich Gedanken und Sorgen zu machen gehört wohl zu diesem Mutterding dazu. Man darf sich nur nicht davon beherrschen lassen oder sich schlechter machen als man ist. Wir haben so viel Verantwortung. Unsere Kinder bedeuten alles für uns. Wir haben uns damit eine ziemliche Last aufgebürgt. Die Last, sich ständig zu sorgen. Die Kinder selbst sind selten die eigentliche Last. Viel mehr unser Kopfkino und die falschen Erwartungshaltungen, die uns leider auch von der Gesellschaft vorgelebt werden. Es wird erwartet, dass man im Kreißsaal sein Altes Ich abgibt und dann „Die Mutter“ ist, wenn das Kind da ist. Den Männern gesteht man da mehr Kompromisse zu. Ja, wir verändern uns. Wir werden verletzlicher, aber auch stärker als je zuvor. Das geht im Stress und Schlafmangel schnell unter. Social Media ist da selten eine Hilfe. Lasst euch nicht blenden. Wir straucheln alle an irgendeinem Punkt. Ihr seid gut so wie ihr seid und ihr seid die Welt für eure Kinder. Sie wollen nur euch. Seid glücklich und vertraut auf euer Bauchgefühl.


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Und so lasse ich auch einfach mal was liegen, um mir etwas Ruhe zu geben. Es muss nicht immer alles sofort aufgeräumt werden. Gestern z.B. ging der Herzmann über eine Stunde mit den Jungs spazieren. Das Wohnzimmer sah aus wie Sau. Und ich? Ich legte mich ins Bett und schlief! Am Abend räumten wir dann auf und alles war gut. Ich habe meine Prioritäten anders gesetzt und seitdem läuft es besser.

Meine Seele ist mit diesem Druck nicht mehr belastet. Endlich!

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Hier bloggt Elisa, 27, über den täglichen Wahnsinn mit Zwillingen und Herzmann. Ein bisschen tätowiert, ein bisschen gepierced, aber mit Kurven und Verstand. Aus einer Öko- Patchworkfamilie stammend, gehe ich meinen Weg durch dieses Eltern- Labyrinth. Begleitet mich doch ein Stück dabei!

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