Manchmal ist Wasser dicker als Blut – Brief an meinen Papa

Lieber Papa,

mit dieser Anrede vermutest du wohl, dass ich etwas von dir möchte, denn nur dann benutze ich diese Anrede. Und heute möchte ich, dass du einfach diese Zeilen liest.

Du kamst in einer Zeit in mein Leben als ich niemanden mehr als „Papa“ bezeichnen musste und wollte. Ich war gerade mal 11 Jahre alt, frisch in eine Stadt gezogen, die ich nicht leiden konnte und mit Mutti ein eingeschweißtes Team. Niemand bekam Zutritt zu unserem Club- viele Jahre nicht.

Ganz klischeehaft zogst du über uns ein: Mit deiner Tochter und wenigen Habseligkeiten. Du und Mutti hattet einen gemeinsamen Freund und arbeitetet im selben Krankenhaus. Ihr kamt ins Gespräch, man sah sich öfter im Hausflur und auch wenn ich dieses stille Mädchen etwas seltsam fand, so verstanden wir uns schnell gut. Wir waren wie Feuer und Wasser und es hätte keine bessere Freundschaft werden können.

Eines Tages saßen wir 4 in Muttis und meinem Wohnzimmer. Du und sie machten eure Beziehung öffentlich. Meine erste Reaktion war: „Aber ihr dürft nicht heiraten!“ Warum ich das sagte weiß ich heute nicht mehr. Ich mochte dich und trotzdem war da die Angst, ich könnte ausgestoßen werden. War ich es doch, die immer die Nummer 1 bei Mutti war, so sah ich ihren Blick, wenn sie dich ansah. Die Liebe, die Geborgenheit. Normalerweise hätte es mich stören müssen. Tat es aber nicht, da du sowohl ihr als auch mir den gewohnten Freiraum gabst. Du versuchtest nie mich mit Schokolade oder blöden Kuscheltieren zu „ködern“. Überhaupt hast du nie wirklich versucht von mir gemocht zu werden. Es passierte einfach, weil du normal zu mir warst.

Du bist ein für mich sonderbarer Mann. Bis heute. Ruhig, in sich gekehrt und dann springst du plötzlich auf und musst dringend etwas erledigen, du gehst nicht, du rennst, du bist ein Technik- Freak und Öko- Futzi, hast einen festen Glauben und bist der sturste Mensch, den ich kenne. Auch hier zog mich diese andere Art zu sein und zu leben an. Mutti und mein Leben war immer sehr strukturiert. Du brachtest Chaos in unser Leben, das ich tief in meinem Innern zu vermissen schien. Wir sprachen über Computer, spielten zusammen Spiele und wenn ich bockte, beließt du es dabei, ohne mich zu tadeln. Deine Geduld ist unfassbar!

So kam es, dass wir auf 2 Etagen wohnten. Mal hier, mal da. Mal alle auf einer Etage, mal wir Mädchen auf der einen und ihr auf der anderen. Eure Einrichtung war das genaue Gegenteil von unserer: Holz, Holz und Holz. Massivholz, welches nach speziellem Öl roch. Ökos halt wie man sie sich vorstellt. Ich mochte das, auch wenn ich es nie zugab.


Wir zogen ein paar Jahre später zusammen- ganz offiziell. Nun war daran nichts mehr zu rütteln: Wir waren eine Patchworkfamilie. Du nahmst mich mit zum Kunstradverein mit. Ich war schlecht scheiße, aber du triebst mich als mein Trainer immer voran. Wir fuhren zu Tunieren und Trainingslager. Auch sonst fuhren wir mittlerweile als Familie regelmäßig in den Urlaub. Euch war es wichtig, dass wir viel von Deutschland sahen. „Man muss doch das Land kennen, in dem man lebt.“, sagtet ihr beide zu uns Mädels. Irgendwie war es uncool und heute schön. Diese Erinnerungen kann uns niemand nehmen. Auch nicht die als wir im Jahrhundertsommer mit dem alten Mitsubishi ohne Klimaanlage bis nach Spanien fuhren- tagelang. Es war die schrecklichste Reise in meinem Leben und wir lachen heute noch über all die Erlebnisse, die wir miteinander teilen können.

Heute gibt es keinen Zweifel daran, dass wir eine Familie sind. Deine Tochter ist meine Schwester und ihr Sohn mein Neffe. Auch habe ich einen älteren Bruder bekommen, dem ich nicht ähnlicher sein könnte. Wir sind wohl das, was man eine „Gelungene Patchworkfamilie“ nennen würde. Wir sind aber schon lange kein Patchwork mehr …

Als Mutti und du euch in 2014 endlich das Ja-Wort gabt, heulte ich Rotz und Wasser. Der Herzmann und ich schlichen uns später davon und „verunstalteten“ eure Wohnung. Spät in der Nacht kamt ihr nach Hause und ich kann noch heute euer schallendes Gelächter hören. Monate später waren noch Konfettireste zu finden.


Ich möchte dir dafür danken, dass du seit über 16 Jahren in meinem Leben bist. Du hast mir Menschen vorgestellt, die ich nie kennengelernt hätte und auch durch dich hat sich meine Einstellung zum Leben verändert. Mit deiner Art, die mich manchmal zur Weißglut brachte, hast du mein Leben entschleunigt, was oft so wichtig war. Du warst es, der mich mit Mutti „mitten in der Nacht“ irgendwo abholte, der mir bei PC- Problemen half (auch wenn deine eigene Geduld meine mehr als strapazierte), mich auf Religion neugierig machte, der mir Essen vom Chinesen mitbrachte, mir ein Praktikum bei sich verschaffte, mich dazu brachte zusammen in einem Musical unserer Kleinstadt mitzumachen und mich von Anfang an so annahm wie ich war. Und meine Fresse, ich war schrecklich! In diesem Sinne möchte ich auch direkt eine große Entschuldigung rausschicken: Es tut mir unfassbar leid, dass ich ein Teenager wie nach Lehrbuch war!

Bei allen wichtigen Ereignissen in meinem Leben warst du da! Und dank dir hatte der Herzmann die Geburt seiner Söhne nicht verpasst! Meine Kinder sind auch für dich ohne Zweifel deine Enkel. Ich sehe wie sehr du sie liebst. Danke dafür! Dieses Dankeschön ist noch viel zu wenig.

Aber was du mir am allermeisten gezeigt hast: Manchmal ist Wasser dicker als Blut!

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Elisa
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Hier bloggt Elisa, 27, über den täglichen Wahnsinn mit Zwillingen und Herzmann. Ein bisschen tätowiert, ein bisschen gepierced, aber mit Kurven und Verstand. Aus einer Öko- Patchworkfamilie stammend, gehe ich meinen Weg durch dieses Eltern- Labyrinth. Begleitet mich doch ein Stück dabei!

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