Kann ein Kaiserschnitt schön sein?

Ich lese sehr oft von wirklich schlimmen Erlebnissen bei Entbindungen. Meist beginnen diese schon im Kreißsaal selbst- aus den verschiedensten Gründen. Wenn ich das so lese, tut es mir unendlich leid für die Betroffenen. Besonders aber im Zusammenhang mit einem Kaiserschnitt hört und liest man so viele Horrorgeschichten. All diese Berichte haben ihre Berechtigung. Aber sie machten mir als Unwissende Angst.

Meine perfekte Entbindung sah so aus, dass ich mit regelmäßigen Wehen in ein Geburtshaus meiner Wahl fuhr, in vertrauter und ruhiger Umgebung mein Kind gebar und nach wenigen Stunden mit Mann und Baby in unsere eigenen 4 Wände zurückkehrte.

Den ersten Dämpfer dazu gab es als wir von der Zwillingsschwangerschaft erfuhren. Mir war klar, dass mich als Erstgebärende kein Geburtshaus nehmen würde. So war es schließlich auch. Neuer Plan: Ambulante Entbindung im Krankenhaus. Das ist möglich und machen echt mehr als gedacht.

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Wir wollten uns an einem Dienstag zur Geburt anmelden. Den Donnerstag davor platzte meine Fruchtblase. Ich war in der 31. Woche. Im Krankenhaus angekommen musste ich stationär bleiben- mit strikter Bettruhe. Ich bekam prophylaktisch Medikamente über die Vene gegen mögliche Wehen und Infektionen. Denn Johns Fruchtblase war offen. Man tat alles, um es nicht zur Entbindung kommen zu lassen. Sie sagten mir aber auch, dass wir es wohl nicht über die 34. Woche hinaus schaffen würden. So war es dann auch…


Ich bekam in der Nacht seltsame Schmerzen im Oberbauch. Sie kamen in Wellen. Es war unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Mit dem Sonnenaufgang musste ich tatsächlich schon seltsamer atmen. Mein Körper zeigte mir von ganz allein, was zu tun ist: Veratmen. Ich ging nochmal auf Toilette, da mir klar war, dass ich mit dem Schellen nach der Schwester ans CTG käme. Mit Zwillingen kann das dauern. Ich war innerlich sehr ruhig und dachte nicht wirklich an Wehen. Ich wusste nicht wie sich das anfühlen sollte. In der Zwischenzeit betätigte meine Bettnachbarin die Klingel.

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Dieses Bild schickte ich dem Herzmann kurz bevor es richtig losging.

Man schob mich in den Kreißsaal, der herrlich klimatisiert war. So eine Schwangerschaft mit Bettruhe im Hochsommer ist echt ungeil. Dort kam ich ans CTG und man ließ mich vorerst allein, die Tür blieb auf meine Bitte hin offen. Wenige Minuten später bekam ich solch heftige Schmerzen, dass an Atmen kaum zu denken war! Ich schwitzte wie verrückt und drückte mich am Bettende mit den Füßen ab. Atmen, atmen … aaah, jetzt geht’s wieder. Wenige Minuten später wieder diese Schmerzen. Und wieder. Und wieder. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich müsse ganz dringend auf Toilette. Ich rief nach der Hebamme. Sie kam sofort. „Ich spüre so einen Druck. Also entweder muss ich auf Toilette…“, konnte ich noch sagen bis mich der Schmerz wieder packte. Die Hebamme war nach meinem ersten Satz schon wieder fort. Die Oberärztin kam sehr schnell zu mir, setzte sich auf mein Bett und erklärte mir, sie wolle zur Sicherheit den Muttermund abtasten. Wenn da alles gut sei könne ich auf Toilette.

Tja, ich musste nicht zur Toilette.

John drückte so! „Muttermund 8-9cm offen.“, sagte die Oberärztin zur Hebamme. Mir war sofort klar, was das bedeuten würde, denn gerade erst am Vortag wurden die beiden „gewogen“: 1600g und 1800g besagten die Schätzungen. „Wie wollen Sie entbinden?“, fragte man mich. Ich antwortete, dass ich normal entbinden wolle. Die Oberärztin erkundigte sich nach den Gewichten. „Das schaffen sie nicht. Sie sind zu klein.“ , sagte die Hebamme zu ihr. Da waren sie sich einig. Und ich mir auch. Alles, was ich nie wollte, traf nun ein: Ich war allein. Meine Kinder werden Frühchen sein. Ich werde einen OP zum ersten Mal als Patientin sehen. Ich bekomme einen Kaiserschnitt.

Doch in dem Moment war die Sache für mich ganz klar. Wir werden hier nicht herumkaspern und ausprobieren. Unter diesen Umständen will ich einen Kaiserschnitt. Gefühlt sofort stand eine Horde Menschen um mich herum, aber es war okay. Man ging von Anfang an sehr respektvoll mit mir um, obwohl wir schnell machen mussten. Ich rief den Herzmann an. Es war mittlerweile etwa halb 10. Ein Anästhesist kam dazu, klärte mich schnell auf. Ihm verdanke ich es, dass die Geburt meiner Kinder trotzdem miterleben konnte. Die Oberärztin wollte mich „abschießen“, wie man so salopp sagt. Ihm war Augenkontakt sehr wichtig, wie mir schien. Er wollte meine vollste Aufmerksamkeit und die bekam er auch.

Man half mir im OP- Vorraum vom Bett auf die unbequeme Liege. Ich war nicht fähig dies mehr allein zu tun. Und irgendwie waren die Wehen auch weg. Aha, irgendwelche Beutel mit Flüssigkeiten auf mir. „Muss guter Stoff sein.“, dachte ich mir. Im OP waren sehr viele Leute. Jeder wusste, was zu tun war. Alle, die im direkten Kontakt mit mir standen, stellten sich mir kurz vor. Von den Namen weiß ich nur noch einen, da die Kinderkrankenschwester wie die Püppi heißt. Aber das war auch egal. Ich fühlte mich wahrgenommen. Als Mensch. Als werdende Mutter, die spontan auf den OP- Tisch kam. Man legte mir Elektroden an und den Clip an den Finger. Dann half man mir mich aufzurichten. „AU!“ Eine Wehe. Die Oberärztin, mittlerweile in voller OP- Kluft, stellte sich vor mich und schob mir dabei einen Hocker zu, auf dem ich meine Füße abstellen konnte. Sie veratmete mit mir zusammen die Wehe. „Sie machen das so toll! Nur nicht drücken.“ Ich drückte nicht und atmete weiter bis es überstanden war. Sie wich nicht von meiner Seite und erklärte mir, was der Anästhesist nun in etwa an meinem Rücken tun wird. Sie sprach ruhig, aber fortlaufend. Schon in dem Moment war mir klar, dass sie mir mögliche Ängste nehmen und mich ablenken wollte. Ich sollte einen krummen Rücken machen und ich tat wie mir geheißen. Die Oberärztin sprach leise zu mir während sie ihre Stirn an meine lehnte. Wir hatten uns am Vortag das erste Mal gesehen. Doch sie war es nun, die mir vollste Sicherheit gab. Ich merkte vom Setzen der Spritze rein gar nichts. Sehr schnell kribbelte es in meinen Beinen und dann im Po. Man half mir mich hinzulegen. Ich bekam das grüne Tuch vor den Kopf gespannt und legte die Arme auf die dafür vorgesehenen Halterungen. Auch meine Beine wurden fixiert. Und dann merkte ich nach unten hin nichts mehr. Ich bemerkte Bewegungen, aber sonst nichts. In dieser Zeit stellten sich die 2 Kinderkrankenschwestern mit den Worten „Ich nehme Ihren Sohn in Empfang.“ vor. Ein gutes Gefühl- unter den Umständen. Ich lag da und fühlte mich nicht wirklich allein, weil man mich so gut es ging mit einbezog, mich respektierte und alles daran setzte, dass dies ein gutes Geburtserlebnis werden würde.

Sie fingen an. Der Herzmann fehlte, doch sie wollten und sollten keine Zeit verlieren. Plötzlich hörte ich die Oberärztin „Da ist der Papa!“ und ich weiß noch wie ich mich fragte, was mein Vater hier nun wolle. Dann sah ich hinauf und erblickte die mir so vertrauten Augen hinter dem Mundschutz: Ja, der Papa ist da!

Höchstens eine Minute später kam John zur Welt. Sie legten ihn mir auf die Brust. Ich spürte die Hitze und den kleinen Körper, ohne ihn zu sehen, denn da war ja der Sichtschutz. Die erste Schwester brachte ihn in das Nebenzimmer. Das war so besprochen und in Ordnung für mich. Ich wusste Bescheid. Logan versteckte sich, doch auch er kam kurz darauf auf meine Brust. Diese wohlige Hitze werde ich nie vergessen. Sie waren da! Sie weinten nicht, doch ich wusste, dass das nichts zu sagen hat. Wir warteten.

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li: John Bennett – 09:55/1730g/41cm ~ re: Logan Dean – 09:56/1800g/42cm

Der Kinderarzt kam mit einem Bündel zu mir. Zu meinem Erstaunen waren darin beide Kinder gewickelt. So klein waren sie. Er griff nach meiner Hand, damit ich sie berühren konnte. Sogar küssen durfte ich sie. „Ihnen geht es gut?“, fragte ich. „Sie sind fit. Nur einfach etwas klein.“ Wir durften noch kurz zusammen sein. Dann sagte er „Nun bringe ich die Süßen mal auf die Station.“ Es schmerzte, doch so war es richtig.

Nun waren sie da. Und ich wurde rastlos. Mein Kreislauf sackte immer mal wieder ab, mir war schlecht. Jedes Mal bekam ich sofort etwas dagegen. Der Herzmann blieb bei mir. Die Oberärztin musste meine Unruhe bemerkt haben, denn sie sagte „Ich weiß, Frau W., das nervt jetzt. Sie wollen los. Mir ging es auch so, aber wir sind gleich fertig.“ Die Unruhe in mir war nur schwer zu ertragen. Doch plötzlich war es geschafft. Der Herzmann durfte sich umziehen gehen, ich wurde umgelagert (aua) und kam dann mit dem Herzmann für eine Stunde zurück in den Kreißsaal zur Beobachtung. Es kam zu keinerlei Komplikationen oder Auffälligkeiten bei mir- bis heute nicht.

Hätte ich die Kinder sofort bei mir haben dürfen, würde ich wohl sagen, es wäre eine Traumentbindung gewesen- unter den Umständen. Denn auch wenn ich die Horrorvorstellung für mich schlechthin – nämlich meine Kinder per Kaiserschnitt gebären zu müssen- erlebt habe, war es das schlussendlich absolut nicht! Ich bin mir aber auch bewusst, dass ich wirklich, wirklich gut behandelt wurde und dass viele dieses Glück weder im Kreißsaal noch im OP haben. Aber: Dieses Glück gibt es!


Mit diesem Beitrag möchte ich von der pauschalen Panikmache abrücken und zeigen, dass es auch anders laufen kann. Meine Geschichte ist da absolut kein Einzelfall! Ebenso mache ich hiermit ganz deutlich, dass jede Art von Entbindung eine große Leistung der jeweiligen Frau ist. Hier gibt es keine Entbindungstechnik zweiter Klasse. Wir alle haben unsere Geschichte wie es dazu kam so zu entbinden wie wir entbunden haben. Und auch ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages nochmal eine spontane Geburt zu erleben. Denn trotz Kaiserschnitt ist dies heute in den meisten Fällen ohne Probleme möglich. Und sollte es abermals einen Kaiserschnitt geben, so weiß ich es nun besser und gehe gestärkt an die Sache heran. Denn ein Kaiserschnitt ist kein Versagen! 

Und meine Narbe? Ich finde sie wunderschön!

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Hier bloggt Elisa, 27, über den täglichen Wahnsinn mit Zwillingen und Herzmann. Ein bisschen tätowiert, ein bisschen gepierced, aber mit Kurven und Verstand. Aus einer Öko- Patchworkfamilie stammend, gehe ich meinen Weg durch dieses Eltern- Labyrinth. Begleitet mich doch ein Stück dabei!

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